Verstehen heißt passende Bilder zu komponieren

Verstehen lässt sich gut verstehen, wenn man ein paar Millionen Jahre zurückschaut und sich an die eigene Entwicklung erinnert. Das geht, wenn man akzeptiert, dass das, was uns die Naturwissenschaft lehrt, erfolgreich genug ist, um auch als Basis für diese Erinnerung herangezogen zu werden. Insbesondere muss man voraussetzen, dass die Evolutionstheorie ein geeignetes Instrument zur Beschreibung der Entwicklung des Menschen aus der Mikrobe darstellt.
Die Mikrobe entwickelte irgendwann die Fähigkeit zur eigenständigen Bewegung und konnte so die Umgebung wechseln, wenn das Nahrungsangebot knapp wurde. Dazu musste sie allerdings eine Wahrnehmung für mangelnde Nahrung haben, nämlich ein Hungergefühl. Dies ist bereits der erste rudimentäre Schritt zum Verstehen. Aus der Wahrnehmung folgt eine Entscheidung, nämlich die zur Bewegung, die zunächst nur ungerichtet war. Die Mikrobe entwickelte auch irgendwann weitere Wahrnehmungsmechanismen, z.B. für chemische Substanzen (Geruch , Geschmack), für Strahlung (Sehvermögen, Wärmeempfindung) und/oder für mechanische Reize (Tastsinn, Gehör). Diese Wahrnehmungen wären im wahrsten Sinne des Wortes brotlose Kunst, wenn sie nicht zu Entscheidungen führten, die u. a. der Nahrungsaufnahme dienten und so das Überleben sicherten. Dazu musste die Mikrobe (über mehrere Generationen) jedoch lernen aus dem bloßen Reiz der Wahrnehmungsorgane eine Entscheidung zur zielgerichteten Bewegung herzuleiten, also z.B. zu mehr Licht oder zu stärkerem Geruch oder zu mehr Vibration. Sie musste also auf das Signal mit einer Vorstellung, einem inneren Bild reagieren, nämlich der Vorstellung von mehr oder besserer Nahrung in einer bestimmten Richtung, zugegebenermaßen ein sehr schlichtes Bild und mit ziemlich einfacher Entscheidungsstruktur: Einfach drauflos! ( Auf molekularer Ebene aber doch schon recht anspruchsvoll)
Die Mikrobe entwickelte weitere Wahrnehmungs- und Bewegungsmöglichkeiten und nannte sich irgendwann Tier. Konrad Lorenz schloss aus seinen Beobachtungen, dass höhere Tiere wie Fische, Vögel und Baumtiere in sich eine Repräsentation des dreidimensionalen Raumes haben müssen, die sie teils über Generationen teils während ihres Lebens geformt haben. Diese Repräsentation, dieses innere Bild wird angepasst an alle Wahrnehmungsmuster und nicht umgekehrt erschaffen durch einzelne Wahrnehmungsmuster. Solche Anpassung erfordert oft komplizierte mathematische Kalkulationen wie Perspektive, korrekte Entfernungs- und Richtungsabschätzung sowie z.B. der Bewegungsabläufe beim Sprung. Das Bild enthält nicht nur die dreidimensionale Repräsentation des Raumes, sondern auch weitere Kenntnisse z.B. wie sich Oberfläche von Hindernissen anfühlen (weich oder hart), Gerüche und vieles mehr. Es wird aufgebaut durch viele Untersuchungen und Erfahrungen, die das Tier im Verlauf seiner Entwicklung und seines Lebens gemacht hat. Setzt man das Tier in eine Umgebung so wird es versuchen das optische Muster, das es wahrnimmt, solange mit optischen Mustern vieler gespeicherter Bilder aus seinem Archiv zu vergleichen bis das wahrgenommene Muster durch das Archivmuster bestmöglich kompensiert werden kann. Dann erst sieht das Tier. Dann erst versteht es wo es ist oder ob die Umgebung neu ist und erst erkundet werden muss. Aufgrund dieses Bildes, das auch positive Bewertungen, wie z.B. die potentielle Lage von Nahrungsmittelreservoiren enthält, trifft das Tier seine Entscheidung. Wie die Mikrobe wird das höhere Tier sich zur Futterquelle bewegen, wenn es Hunger hat. Es kann allerdings, anders als die Mikrobe, durch bestimmte Gefühle wie Angst vor Gefahr, seinen Futtertrieb im Zaum halten und nicht stur zur Futterquelle stürzen, aber das ist ein anderes Thema. Die Abläufe, wie hier beschrieben, finden auch beim Menschen statt und auch er hat natürlich innere Mechanismen seine Triebe im Zaum zu halten.
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