Freitag, 7. April 2006

Verstehen heißt passende Bilder zu komponieren

Verstehen lässt sich gut verstehen, wenn man ein paar Millionen Jahre zurückschaut und sich an die eigene Entwicklung erinnert. Das geht, wenn man akzeptiert, dass das, was uns die Naturwissenschaft lehrt, erfolgreich genug ist, um auch als Basis für diese Erinnerung herangezogen zu werden. Insbesondere muss man voraussetzen, dass die Evolutionstheorie ein geeignetes Instrument zur Beschreibung der Entwicklung des Menschen aus der Mikrobe darstellt.
Die Mikrobe entwickelte irgendwann die Fähigkeit zur eigenständigen Bewegung und konnte so die Umgebung wechseln, wenn das Nahrungsangebot knapp wurde. Dazu musste sie allerdings eine Wahrnehmung für mangelnde Nahrung haben, nämlich ein Hungergefühl. Dies ist bereits der erste rudimentäre Schritt zum Verstehen. Aus der Wahrnehmung folgt eine Entscheidung, nämlich die zur Bewegung, die zunächst nur ungerichtet war. Die Mikrobe entwickelte auch irgendwann weitere Wahrnehmungsmechanismen, z.B. für chemische Substanzen (Geruch , Geschmack), für Strahlung (Sehvermögen, Wärmeempfindung) und/oder für mechanische Reize (Tastsinn, Gehör). Diese Wahrnehmungen wären im wahrsten Sinne des Wortes brotlose Kunst, wenn sie nicht zu Entscheidungen führten, die u. a. der Nahrungsaufnahme dienten und so das Überleben sicherten. Dazu musste die Mikrobe (über mehrere Generationen) jedoch lernen aus dem bloßen Reiz der Wahrnehmungsorgane eine Entscheidung zur zielgerichteten Bewegung herzuleiten, also z.B. zu mehr Licht oder zu stärkerem Geruch oder zu mehr Vibration. Sie musste also auf das Signal mit einer Vorstellung, einem inneren Bild reagieren, nämlich der Vorstellung von mehr oder besserer Nahrung in einer bestimmten Richtung, zugegebenermaßen ein sehr schlichtes Bild und mit ziemlich einfacher Entscheidungsstruktur: Einfach drauflos! ( Auf molekularer Ebene aber doch schon recht anspruchsvoll)
Die Mikrobe entwickelte weitere Wahrnehmungs- und Bewegungsmöglichkeiten und nannte sich irgendwann Tier. Konrad Lorenz schloss aus seinen Beobachtungen, dass höhere Tiere wie Fische, Vögel und Baumtiere in sich eine Repräsentation des dreidimensionalen Raumes haben müssen, die sie teils über Generationen teils während ihres Lebens geformt haben. Diese Repräsentation, dieses innere Bild wird angepasst an alle Wahrnehmungsmuster und nicht umgekehrt erschaffen durch einzelne Wahrnehmungsmuster. Solche Anpassung erfordert oft komplizierte mathematische Kalkulationen wie Perspektive, korrekte Entfernungs- und Richtungsabschätzung sowie z.B. der Bewegungsabläufe beim Sprung. Das Bild enthält nicht nur die dreidimensionale Repräsentation des Raumes, sondern auch weitere Kenntnisse z.B. wie sich Oberfläche von Hindernissen anfühlen (weich oder hart), Gerüche und vieles mehr. Es wird aufgebaut durch viele Untersuchungen und Erfahrungen, die das Tier im Verlauf seiner Entwicklung und seines Lebens gemacht hat. Setzt man das Tier in eine Umgebung so wird es versuchen das optische Muster, das es wahrnimmt, solange mit optischen Mustern vieler gespeicherter Bilder aus seinem Archiv zu vergleichen bis das wahrgenommene Muster durch das Archivmuster bestmöglich kompensiert werden kann. Dann erst sieht das Tier. Dann erst versteht es wo es ist oder ob die Umgebung neu ist und erst erkundet werden muss. Aufgrund dieses Bildes, das auch positive Bewertungen, wie z.B. die potentielle Lage von Nahrungsmittelreservoiren enthält, trifft das Tier seine Entscheidung. Wie die Mikrobe wird das höhere Tier sich zur Futterquelle bewegen, wenn es Hunger hat. Es kann allerdings, anders als die Mikrobe, durch bestimmte Gefühle wie Angst vor Gefahr, seinen Futtertrieb im Zaum halten und nicht stur zur Futterquelle stürzen, aber das ist ein anderes Thema. Die Abläufe, wie hier beschrieben, finden auch beim Menschen statt und auch er hat natürlich innere Mechanismen seine Triebe im Zaum zu halten.

Dienstag, 7. März 2006

Gott ist was wir nicht erklären können

Diese Feststellung kann von Gläubigen und Atheisten gleichermaßen unterschrieben werden.
In den Urzeiten galt alles als direktes Wirken mindestens eines Gottes, was nicht anders erklärt werden konnte: Blitz und Donner wurde Zeus zugeschrieben. Die Bewegung der Sonne am Himmel war eine Tat des Sonnengottes Re.
Heute haben die Naturwissenschaften viele Geschehnisse in einen gesetzmäßigen Zusammenhang gebracht, der dazu verführt zu glauben man könne alles mit Hilfe der Naturwissenschaften und mit mathematischen Formeln erklären, wenn man nur fleißig weiter forscht und bessere Computer baut. Danach wäre für Gott kein Platz mehr, er wäre wegerklärt.
Allerdings war die Wissenschaft schon vor 120 Jahren auch so weit, dass man glaubte, alles berechnen zu können, wenn man nur alle Daten aller Objekte im Universum kennte. Dann kamen Einstein und Heisenberg mit der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik. Damit waren die absoluten Maßstäbe der Messung verschwunden und die Messgenauigkeit grundsätzlich eingeschränkt, so dass eine Zukunftsprognose bei bekannten Anfangswerten umso mehr verschmiert wurde, je größer der Zeitabstand und damit auch die Zahl der Einflussgrößen wurde. Die Situation ähnelt der bei kurz- und langfristigem Wetterbericht. Bei nichtlinearer Verknüpfung ist darüber hinaus ein Verhalten nach der Chaostheorie zu berücksichtigen. D.h. wenn man die Anfangsbedingungen nur eine Winzigkeit ändert, ändern sich die mittelfristigen Ergebnisse dramatisch. Die Ähnlichkeit mit Wetterprognosen verstärkt sich. Darüber hinaus hat der Mathematiker Gödel nachgewiesen, dass die Mathematik in dem Sinne unvollständig ist, dass nicht alle Sätze ableitbar sind und daher die Mathematik nicht ausreicht um alles zu erklären oder widerlegen. Da aber Physik als Beschreibung der Natur mit Hilfe der Mathematik verstanden wird, überträgt sich diese Unvollständigkeit. Damit hat auch der Versuch Gott bis ins infinitesimale einzuengen nach derzeitigem Wissensstand keine Chance. Natürlich heißt das nicht, dass es Gott geben muss. Wir sind nur nicht imstande ihn zu beweisen oder zu widerlegen.
Wenn es ihn gibt, kann er direkt in den Bereichen wirken, wo unsere Mathematik und Logik nicht hinreicht. Indirekt kann er darüber hinaus auch im Rahmen geltender Naturgesetze alles machen was er will, ohne dass wir ihn dabei ertappen können.
Auch Gläubige müssten daher die Eingangsfeststellung unterschreiben können.

Montag, 5. Dezember 2005

Schweißperlen und geklaute Perlen

Ich habe etwas zu sagen.
Der Literaturkritiker Reich- Ranitzki bemerkte einmal: „Es genügt nicht, etwas zu sagen zu haben; man muss es auch appetitlich anbieten“. Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, so dass sie beim Leser möglichst ähnliche Gedanken und Gefühle hervorrufen, ist eine Kunst. Mancher kann das von Natur aus; wer es nicht kann muss eben üben. Das Beschreiben meiner Gedanken und Erkenntnisse scheint mir ähnlich mühsam wie das Eierlegen der Wasserschildkröte. Die Beschreibung sagt nie genau das, was ich denke und fühle. Eigentlich müsste ich in Ergänzung zum schreiben meine Gedanken und Gefühle noch malen, musizieren und mit Gestik und Mimik unterlegen. Aber das würde den Trainingsaufwand in schwindelnde Höhen treiben. Ich danke allen Lesern, die sich mir hier als Trainingspartner zur Verfügung stellen und bitte gleichzeitig um Geduld.
Perlen können also auch Schweißperlen sein, hier hoffentlich nur meine.

Weisheit wird bei Wikipedia beschrieben:
„Als Weisheit wird allgemein eine auf Lebenserfahrung und Einsicht beruhende innere Reife und kluge Überlegenheit im geistigen Sinne bezeichnet“.
Mit Lebenserfahrung und Einsicht habe ich keine Probleme. Kluge Überlegenheit im geistigen Sinne ist relativ. Da sich kaum ein Leser freiwillig als unterlegen einstufen wird, bleibt eine objektive Bestätigung dieser Eigenschaft vermutlich aus, allerdings genügt mir hier die subjektive Einschätzung, bei aller Bescheidenheit.
Schwieriger ist es mit dem Begriff Reife, der nach Wikipedia die Erreichung eines vollkommenen Grades einer abgeschlossenen Entwicklung bezeichnet. Eine abgeschlossene Entwicklung ist etwas ziemlich endgültiges, was wohl nur mit dem Tod zu erreichen ist. Dann ist es allerdings zu spät, Perlen abzusondern. Hinzu kommt, dass Einsicht auch etwas relatives ist, das wohl kaum jemals abgeschlossen ist. Vielleicht erklärt das ein Wort, das ich zwar nicht erfunden habe, aber trotzdem nicht schlecht finde:
Der kluge Mann rät nur, wenn er gefragt wird, der weise nicht einmal dann.

Betrachten wir also Weisheit als einen Grenzwert, der nie erreicht wird. Kurz davor ist aber auch nicht schlecht.
Einige Jahrzehnte denkt es nun schon in mir. Und da mindestens ein Lebenszweck des Menschen die Aufnahme, Bearbeitung und Weitergabe von Gedanken und Erkenntnissen ist, will ich dem Bedürfnis folgen, die Ergebnisse dieses Denkens weiterzugeben. Möglicherweise thematisch etwas ungeordnet, wie Gedanken nun einmal kommen und gehen. Immer aber philosophisch, auch wenn ich als Physiker nicht die Philosophie mit Löffeln gegessen habe. Der Schuster will nicht mehr bei seinem Leisten bleiben. Aber da die Philosophen inzwischen auch Physik interpretieren und mit mathematischen Formeln arbeiten, ist es wohl erlaubt den Grenzstreifen auch in umgekehrter Richtung zu betreten.

Ich will nun nicht länger warten meinen ersten Text in mein erstes Weblog zu stellen und biete anstelle eigener Perlen zwei geklaute Perlen der Weisheit an, die mir hin und wieder als Einstieg in Meditation dienen:
Alles verstehen heißt alles verzeihen.
Und
Heute ist morgen gestern.
logo

Perlen der Weisheit

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Denken und Bewusstsein...
Panpsychismus ist nach Wikipedia eine Vorstellung,...
filfys - 22. Aug, 16:28
Wie alles mit allem zusammen...
Wenn man sich die Welt ansieht, belebt oder unbelebt,...
filfys - 19. Dez, 20:31
Das Imaginäre in der...
Es gibt in der Physik einige merkwürdige Effekte, die...
filfys - 15. Aug, 19:43
Trauer steuert wie Schmerz
Schmerz hat den Zweck, nach einer Verletzung mein Verhalten...
filfys - 22. Dez, 17:19
Wenn die Resonanz verklingt,...
Alles Leben, aber auch sogenannte unbelebte Natur,...
filfys - 12. Jun, 19:50
Die Suche nach Glück
Wir sind beständig auf der Suche nach Glück. Dies ist...
filfys - 4. Feb, 13:57
Die Zukunft bestimmt...
Wenn ich zurückdenke, warum ich in der Vergangenheit...
filfys - 21. Dez, 17:57
Gesetze sollen die Zukunft...
Um unsere Umwelt zu begreifen, genügt es nicht nur...
filfys - 5. Sep, 17:42

Mein Lesestoff

Bauer, Joachim
Warum ich fühle, was Du fühlst

Calvin, William H.
Wie das Gehirn denkt, die Evolution der Intelligenz

Görnitz, Thomas
Quanten sind anders

Lorenz, Konrad
Vom Weltbild des Verhaltensforschers

Metzinger, Thomas
Der Ego Tunnel

Nürnberger, Christian
Faszination Chaos: Wie zufällig Ordnung entsteht

Penrose, Roger
Das Große, das Kleine und der menschliche Geist

Smith, Leonhard A.
Chaos

Links

Haftung etc.

Suche

 

Status

Online seit 7064 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 22. Aug, 16:31

Credits


Philosophie
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
development